Warum die Route 66 außer Dienst gestellt wurde

WigWamHolbrook-sepiaEs gibt kaum eine andere Straße, welche die Nostalgie des goldenen Zeitalters des Reisens mit dem Auto repräsentiert, wie die Route 66.

Als sie im Jahr 1926 eröffnet wurde, hatte sie ursprünglich nur den pragmatischen Zweck, die kleinen Städte von Ost nach West komfortabel und effizient zu verbinden.

In den 1950er Jahren entwickelte sich die rund 4.000 km lange Straße zu einer Attraktion an sich, mit charmanten Drive-Ins, kitschigen Hotels, kleinen Freizeitparks, leuchtenden Neonschilder und Touristenfallen am Straßenrand.

Die Route 66 inspirierte John Steinbeck 1939 zu seinem Buch "Früchte des Zorns", war in den 1960er Jahren die Grundlage einer amerikanischen TV-Serie und unterstützte von Anfang an zahlreiche kleine Familienunternehmen, welche die Vorbeireisenden auf dieser Straße bedienten.

Wie also kommt es, dass die geliebte "Main Street of America" heute, 30 Jahre nach ihrer Blütezeit, nur noch eine wenig befahrene Straße in teilweise schlechtem Zustand ist?

Die Route 66 im Wandel der Zeit

Eine der ältesten Straßen der Vereinigten Staaten von Amerika, die Route 66, war einst Strohhalm und Leuchtfeuer zugleich für Arbeitssuchende und Familien auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Heute ist sie zu einer "Ferienstraße" mutiert.

CA-Roys CafeIm Jahr 1926 errichtet, auch bekannt unter den Namen „Will Rogers Highway“, verlief die Route 66 von Chicago am Lake Michigan im Bundesstaat Illinois bis nach Santa Monica an der kalifornischen Pazifikküste. Die Straße durchquert mit Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und schließlich Kalifornien insgesamt acht verschiedene Bundesstaaten. Die Strecke hat eine Gesamtlänge von 2.448 Meilen (3.940 km).

Der Verkehr auf der Route 66 entwickelte sich in den 1930er Jahren schnell zu einem Strom von hoffnungsvollen Patrioten in Richtung Westen, die in der Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs im Land auf der Suche nach Arbeit und Einkommen für sich und ihre Familien waren. Die Sandstürme und jahrelange Missernten in Missouri und Oklahoma in diesen Jahren bewogen außerdem viele Farmer, von heute auf morgen ihre Höfe zu verlassen, ihr ganzes Hab und Gut auf einen Lastwagen zu laden und sich mit ihrer Familie auf die beschwerliche Reise nach Westen zu machen. Ihr Ziel hieß Kalifornien mit seinem konstant milden Klima, wo angeblich laufend Erntehelfer und Arbeiter gesucht wurden.

Der Reiz der Route 66

Hackberry2011Nach der mittlerweile achten Befahrung der Route 66 (drei Mal die ganze Strecke, fünf Mal auf Teilstrecken) fühle ich immer noch eine zunehmende Begeisterung und Inspiration für diese Straße.

Und oft, wenn ich auf den einsamen Abschnitten dieser "Mutter aller Straßen" unterwegs bin, denke ich darüber nach, welche Bedeutung dieser Mythos hat, worin der Reiz auf das Abenteuer "Route 66" wohl heutzutage besteht.

 

Hier meine Schlußfolgerungen:

1. In erster Linie ist es die Straße selbst. Sie führt durch 8 Bundesstaaten mit unterschiedlichen Landschaften, Menschentypen und Gesetzen. Es wird nie langweilig, man findet immer etwas Neues, auch wenn der Verkehr heute viel geringer als noch vor einigen Jahrzehnten ist. Es ist nicht nur interessant die Route 66 zu fahren, sondern sie auch zu suchen. Mit dem Bau der meistens parallel verlaufenden Autobahnen wurde die Route 66 einfach beiseite geschoben, unterschlagen, so dass sie komplett von den Straßenkarten verschwand. So ist es heute nicht immer einfach, die originale Strecke oder Teile von ihr zu finden. Es ist eine Art Herausforderung, die ein unglaubliches Gefühl von Befriedigung und Freude erzeugt. Der Weg ist das Ziel.

2. Die Route 66 ist nicht nur eine Straße bzw. ein Mittel um sein Ziel zu erreichen. Es ist die Geschichte, in der man versinkt. Es sind die kleinen Motels, Cafés, Diner, Tankstellen, Autokinos oder auch nur die Häuser am Straßenrand, manchmal leer und verlassen, manchmal liebevoll restauriert und wieder in Betrieb genommen. Es sind die Geisterstädte, wo heute fast niemand mehr wohnt, wo aber der Geist der Historie lebt. Um es kurz zu sagen: wenn man sich entscheidet, die Route 66 zu fahren, ist es wie ein fast 4.000 km langer Spaziergang in einem "Museum für amerikanischen Zeitgeschichte" unter freiem Himmel.

3. Die Menschen, die man entlang dieser Straße trifft, sind die wahren Wächter der Straße. Es sind Menschen, die niemals zulassen würden, dass die Route 66 vergessen und vernachlässigt wird. Menschen, die mit dieser Straße so eng verbunden sind, dass diese Tatsache bei fremden Touristen ungläubiges Staunen und Bewunderung hervorruft. Jeder von ihnen ist wie ein Charakter aus einem Kapitel eines Geschichtsbuches und hat sein eigenes persönliches Schicksal oder eine individuelle Anekdote zu der Route 66. Diese Menschen sind wie eine große Familie, die bereit ist, mit jedem Vorbeikommenden ihre Leidenschaft für diese Straße zu teilen.

4. Die Route 66 zu fahren ist nicht nur ein spannendes Abenteuer, es geht auch darum, Schwierigkeiten zu überwinden. Dies gilt heute noch genauso wie in der Vergangenheit. Zum Beispiel die Wetterbedingungen: Hier kann man innerhalb eines Tages von heftigen Regengüssen, Stürmen und Gewitter in eine fast unerträgliche, tropische Hitze kommen. Auch dies ist ein Teil des Charmes der alten Straße. Es ist wie die Straße des Lebens, die auch nicht immer geradeaus läuft und nicht immer gut zu befahren ist. Aber mit Ausdauer und Geduld erreicht man sein Ziel und wird schlußendlich mit einer extra Portion Stolz und Zufriedenheit belohnt.

5. Heute ist die Route 66 ein Ort der Kraft und Einsamkeit, wo man sich selbst mit seinen Sorgen vergessen kann, wo man Lösungen für seine Probleme findet, oder wo man sich durch Dinge, die bis dahin im Unterbewußtsein schlummerten oder die man nicht kannte, neu erfinden kann. Ich liebe es, manchmal am Straßenrand anzuhalten um der Stille zu lauschen. Das Schweigen ist hier einzigartig, fast laut. Und ich kann sagen, dass ich von dieser Straße mehr bekommen habe als ich je erwartet habe.

©2014 W.Werz

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